Bruttoinlandsprodukt ist nicht gleich „nachhaltiges Wachstum“

Das Bruttoinlands-produkt (BIP) gilt als Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft. Dabei stellt es letztlich eine abstrakte Größe dar, die Faktoren wie Wachstum und Wohlstand nur unzureichend erfasst bzw. nur aus monetärer Sicht betrachtet. Ehrenamtliche Tätigkeiten werden z.B. nicht in die Berechnungen des BIP einbezogen, da sie nicht am Markt gehandelt werden. Daher besteht keine kausale Beziehung zwischen dem Anstieg des BIP und dem gesellschaftlichen Wohlbefinden. Auch Veränderungen des Naturkapitalstocks durch Umweltverschmutzung oder Ressourcenknappheit werden im BIP nicht berücksichtigt. Stattdessen ergibt sich ein Trugschluss: So ließ beispielsweise der Ölunfall in Kalifornien im Mai 2015, bei dem eine unterirdische Ölpipeline der Plains All American Pipeline ein Leck hatte und laut eigenen Angaben des Mineralölunternehmens mehr als 400.000 Liter aus dem Leck in den Ozean ausgetreten sind, das BIP durch die hiermit verbundenen Reparaturkosten in den USA steigen. Dieser Unfall hatte aber massive Auswirkungen auf Lebewesen der Pazifikküste und hat damit langfristig negative Folgen auf die Lebensqualität der Menschen. Bei einer Berücksichtigung der Kosten für diese und andere Umweltschäden würde das globale Wirtschaftswachstum numerisch stagnieren.

Diese Probleme haben Länder dazu veranlasst, in einen internationalen Diskurs zu treten. So wird im Rahmen des G20-Gipfels am 15. und 16. November 2015 in Antalya darüber diskutiert, wie ein integratives und nachhaltiges Wachstum gefördert werden kann. Nachhaltige Wirtschaftsziele werden dabei allerdings nicht konkretisiert. Dafür plädiert die türkische Regierung für eine verstärkte Kooperation mit Entwicklungsländern, die von Industriestaaten im Ausbau ihrer Infrastruktur sowie ihrer Energieversorgung unterstützt werden. Der G-20-Gipfel ist damit auch für den kommenden Klimagipfel in Paris (COP 21) Ende des Jahres entscheidend, bei dem es auch darum gehen wird, Konzepte für einen adäquaten Umgang mit globaler Erderwärmung weiter zu entwickeln. Auch die „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“, die im September 2015 auf dem UN-Gipfel in New York verabschiedet worden ist, ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung, da sie in ihren 17 Zielen das Prinzip der Nachhaltigkeit in seiner ökonomischen, ökologischen und sozialen Dimension umsetzt.

Der wachsende internationale Diskurs deutet darauf hin, dass zunehmend umweltpolitische Faktoren bei der Messung von wirtschaftlichem Wachstum berücksichtigt werden, die für das Wohlergehen von Gesellschaften entscheidend sind. Aufgrund dessen wurde eine Vielzahl von Indikatoren entwickelt, die gesellschaftlichen Fortschritt im Hinblick auf Konzepte von nachhaltiger Entwicklung und Wohlbefinden mit einbeziehen.

Lesen Sie mehr dazu im Schlaglicht: „Wir können das BIP nicht essen: Globale Trends bei alternativen Indikatoren“ von Lorenzo Fioramonti (pdf Dokument in englischer Sprache).